Als Kind habe ich gerne auch mal die Lucky Luke-Comics gelesen und die Zeichentrickserie geschaut. Im Fernsehen kamen hin und wieder die „Western von gestern“ und ansonsten habe ich mich bei den Prügeleien von Bud Spencer und Terence Hill amüsiert, sowohl bei den modernen Filmen als auch bei den älteren Westerngeschichten. Ich kenne ein paar der Klassiker aus dem Fernsehen, ansonsten waren Wildwest-Geschichten nie mein Ding. Kurioserweise sprachen mich die Prämisse und das Cover vom ersten „Lincoln“-Band direkt an, entweder weil ich eine lakonische Geschichte erwartete oder weil ich dem Gesichtsausdruck von Lincoln auf dem Cover mehr Bedeutung gab. Eventuell handelte es sich doch um ein sogenanntes „Funny-Comic“, so wie sie früher tatsächlich häufiger auch im franko-belgischen Raum inszeniert wurden.

Wie sich herausstellen sollte, wird der „Flunsch“, wie der Gesichtsausdruck von Lincoln genannt wird, ziemlich weit vorne in der Geschichte bereits thematisiert. Aber sonst hätte ich nicht weiter mit meiner Einschätzung danebenliegen können. Sicher, lakonisch ist unser Protagonist schon, aber alles andere um ihn herum spielt in einer anderen Liga und schert sich einen „feuchten Kehricht“ um ihn oder seine Probleme. Bis dann auf einmal Gott auftaucht und sich unter all den treulosen Seelen und Sündern unseren halbstarken Cowboy aussucht. Doch dazu müssen wir kurz etwas ausholen…

 

Lincoln nimmt sich gerne die Dinge, die er benötigt. © Schreiber & Leser

 

Lincoln ist ein Verlierer, niemand interessiert sich für ihn, also beschließt er, sich auch nicht für die anderen zu interessieren. Wir erfahren auf den ersten Seiten, wie er zu dem 19-jährigen „Mann“ geworden ist, den wir fortan begleiten werden. Er macht sein Ding, überfällt andere Menschen und holt so ziemlich bei all seinen Aktivitäten stets nur das Beste für sich heraus. Gewissensbisse? Fehlanzeige. Eines Tages beim Fischen mit Dynamit kommt jedoch ein Mann zu ihm ans Ufer, mit Hut und Poncho gekleidet, und verwickelt Lincoln ungewollt in ein Gespräch. Dieser Mann stellt sich als Gott vor und prangert den mangelnden Respekt von Lincoln, ihm und den anderen Lebewesen gegenüber, an.

 

Einige Seiten sind völlig ohne Dialoge gestaltet und funktionieren dennoch hervorragend, um die Geschichte voranzutreiben. © Schreiber & Leser

 

Lincoln zu Gott, auf die Frage hin, warum er so unleidlich sei:
„Du hast offenbar nichts Besseres zu tun, deshalb will ich dir antworten. Ich bin unleidlich, weil du mir den freien Willen dazu gegeben hast. Mehr noch, du hast es mir freigestellt, Deine Schöpfung als einen Haufen Mist anzusehen, der mir nur begrenzt Vergnügen bereitet. Und letztlich hast Du mir die Freiheit geschenkt, Dich zum Teufel zu schicken. Ich kann Dir sogar in den Hintern treten. Wie ich es regelmäßig mit einigen Deiner Jünger zu tun pflege.“

Ich möchte diesen Satz als einen Kernsatz im ersten Band herausstellen. An ihm zeigt sich hervorragend, womit wir es bei Lincoln zu tun haben. Der erste Band macht von Anfang an klar, dass es der Leser hier nicht mit klischeebehafteten Geschichten rund um einen Cowboy und seinen Alltag zu tun bekommt. Vielmehr zeigt sich hier bereits eine Richtung, die im Verlauf des ersten Bandes noch weitere Ausprägungen erhalten soll. Lincoln schert sich einen Teufel (Wortspiel beabsichtigt, der Beelzebub hat auch einen kurzen Auftritt) darum, was Gott von ihm hält und bringt sich immer wieder in schwierige Situationen. Schließlich beschließt Gott Lincoln seine Allmacht zu demonstrieren und macht ihn unsterblich. Aber auch das stellt Lincoln natürlich auf die Probe und macht seine Erfahrungen damit. Es dauert nicht lange und Lincoln wird geschnappt, gehängt und begraben, nur um kurz darauf von Gott wieder ausgegraben zu werden. Als Lincoln nach einer Weile anfängt sich um die Nöte eines Dorfes zu kümmern und einen Bankräuber dingfest macht, feiern ihn die Bewohner des Dorfes. Etwas, mit dem er nicht umgehen kann. Als sich dann zum Abschluss des Bandes auch noch Jünger Lincoln anschließen wollen, um mit ihm eine Bande zu gründen, erfährt die Erzählung einen höchst amüsanten Höhepunkt.

 

Auf dem Cover kommt der Flunsch schön zur Geltung. Achtet auch mal auf die Peitschenspitze im Buchstaben I vom Titel… © Schreiber & Leser

Fazit

Lincoln ist ganz anders, als ich es erwartet habe. Hier werden philosophische und theologische Themen angesprochen und bearbeitet, die den Leser bei dem einen oder anderen Gedankengang durchaus kalt erwischen können, was ich bei Weitem nicht in einem „Western-Comic“ erwartet hätte. Das Ganze ist so schön „schnorrig“ und politisch inkorrekt, dass es nur so eine Freude ist. Sicher werden einige gläubige Menschen mit der Darstellung Lincolns oder auch Gottes ihre Probleme haben, erst recht, wenn der Protagonist zum Abschluss des Bandes als Messias gepriesen wird, der Jünger um sich schart. Ich bin gespannt wie es inhaltlich weitergeht, inszenatorisch bleibt Lincoln recht konservativ, was man durchaus auch als Absicht deuten kann. Langweile Anordnung der Panels, kein Ausbrechen nach links oder rechts, keine Splashpages. Dennoch trauen sich Jérôme Jouvray und seine Geschwister auch mal seitenweise nur die Zeichnungen für sich sprechen zu lassen und ohne Dialoge zu inszenieren die Geschichte voranzutreiben. Warum diese Reihe so lange nach Deutschland gebraucht hat ist wirklich unverständlich, im Heimatland Frankreich kam der erste Band bereits im Jahr 2002 heraus. Zum Glück hat Schreiber & Leser bereits weitere Bände von Lincoln im Portfolio, von denen im Original bisher insgesamt 9 erschienen sind. Ich kann gar nicht abwarten die Geschichte von Lincoln weiterzuverfolgen, auch die weiteren Bände werde ich hier in Zukunft auf playto besprechen. Klare Kaufempfehlung!

© Newsbild: Schreiber & Leser


Lincoln Band 1: Auf Teufel komm raus ist erschienen bei Schreiber & Leser – ISBN: 978-3-946337-68-3
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