Wir Trolle sind schon eine ungewöhnliche Spezies. Auch wenn wir ähnliche Strukturen haben wie die Menschen und manche von uns in Familien zusammenwohnen, gibt es doch immer wieder auch grantige Vertreter von uns. Leider müssen wir eine große Zeit des Tages in Höhlen verbringen, weil … nun ja … wir vertragen das Sonnenlicht nicht so gut. Meine Mutter warnt mich davor immer, ich weiß auch nicht genau was dann passiert, anscheinend werden wir zu Stein verwandelt oder etwas in diese Richtung. Aber auch sonst sind wir durchaus ein geselliges Völkchen, wir sammeln gerne Gegenstände, die wir in die Hände bekommen und horten diese dann. Anders als bei den Drachen, die komischerweise nur so güldenes Zeug horten, verstehen wir uns eher darauf auch ungewöhnliche Gegenstände zu sammeln und zu horten wie beispielsweise Tannenzapfen oder Autoteile. Schätze wir Trolle sind da eher die Nerds unter den „Hortern“. Aber auch wenn wir tief in den Gebirgen unsere vorläufige Heimat haben, irgendeine innere Macht zieht uns immer mehr in Richtung der Stadt, die die Menschen Trolberg getauft haben. Bisher halten uns die Glocken an den Türmen der Stadt noch fern, doch so langsam beginnt sich ein Widerstand in unseren Reihen zu formieren. Man sagt, der sagenumwobene Bergkönig könnte etwas damit zu tun haben. Ob das blauhaarige Mädchen etwas darüber weiß?

Ich weiß auch gar nicht, wie es dazu kommen konnte. Doch heute Morgen bin ich im Zimmer des blauhaarigen Mädchens aufgewacht, zumindest kam ihre Mutter auf einmal reingestürmt. Leider verstehe ich ihre Sprache nicht. Ich wollte eigentlich nur spielen, jedoch schien sie davon nicht so begeistert zu sein. Jedenfalls zerrte sie mich kurz darauf wieder aus dem Haus raus und fuhr mit einem Wesen namens Tontu und mir wieder in die Nähe des Berges, wo ich eigentlich zu Hause bin. Zumindest konnte ich dort ein wenig spielen, auch wenn sich sonst niemand um mich gekümmert hat. Die Zeit danach musste ich viel bei der Mutter des blauhaarigen Mädchens daheim verbringen, erst einige Zeit später gelangte ich wieder zu meinem Berg und schließlich auch zu meiner richtigen Mutter.

 

Ein Bild von Hilda und mir! © Reprodukt

 

Was zwischendurch passierte, habe ich nicht alles selbst mitbekommen, Tontu hat mir das im Anschluss an die ganzen Ereignisse erzählt. Jedenfalls wachte das blauhaarige Mädchen wohl zur selben Zeit wie ich bei meiner Mutter im Berg auf und hat sie ganz schön auf Trab gehalten. Ich glaub das Mädchen heißt Hilda, ich selbst wurde von ihr Ba genannt, das einzige Wort, was ich so von mir geben kann. Jedenfalls überschlugen sich zum Schluss des Abenteuers die Ereignisse, Hilda hatte wohl unwissentlich den Bergkönig befreit, welcher sich sofort in Richtung Trolberg aufmachte und diese Stadt zerstören wollte. Dies konnte Hilda natürlich nicht zulassen und versuchte ihn daran zu hindern. Fragt mich bitte nicht, wie sie das als kleines Trollmädchen schaffen wollte. So kam es, wie es kommen musste, der Bergkönig durchbrach die Stadtmauern und die ganzen Trolle fielen in die Stadt ein. Jedoch konnte Hilda die Menschen irgendwie davon überzeugen, die einfallenden Trolle nicht anzugreifen.

Später erfuhr ich noch davon, was bei uns Trollen diesen Drang auslöste in die Stadt einzudringen. Lange Zeit vor mir erschuf unser aller Mutter Amma uns Trolle, sie war eine Riesin und formte aus den Bergen eine Heimat für unser Volk. Als sie damit fertig war, legte sie sich zur Ruhe und schlief für eine lange Zeit ein. Im Lauf der Jahrhunderte bauten jedoch die Menschen eine kleine Siedlung auf ihr, sie war längst nicht mehr als Riesin zu erkennen, so wie sie einfach regungslos dort in der Landschaft lag. Aus dieser Siedlung wuchs im Lauf der Zeit die Stadt Trolberg heran, dennoch riss der Kontakt zwischen und Trollen und unserer Mutter Amma nie ab. Sie rief nach uns und eine innere Macht zog uns zu ihr, ganz so, wie es ein Junges immer wieder zu seiner Mutter hinzieht. Wir haben es Hilda zu verdanken, dass es nicht zu einer Katastrophe gekommen ist. Nun ist es so, dass wir Trolle einmal im Jahr unbehelligt durch Trolberg ziehen und unserer Mutter nahe sein dürfen. Und dafür sind wir Hilda sehr dankbar.

 

Was es wohl mit diesem Riesentroll auf sich hat? © Reprodukt

 

Nun liegt das vorübergehende Ende der Hilda-Reihe mit diesem Band vor und ich muss sagen, da ist Luke Pearson ein runder Abschluss gelungen. Mit dem Bergtroll endet für Hilda die Heldenreise vorerst. Sie hat die Ängste vor Trollen überwunden und lebt nun mit ihrer „Familie“ in der Stadt Trolberg. Was zu Beginn der Abenteuer mit Hilda kaum vorstellbar erschien, ist nun für sie Realität. Sie kannte vorher immer nur ein Leben in der freien Natur, behütet in der Hütte, in der sie mit ihrer Mutter lebte. Auch wenn es zunächst Anpassungsschwierigkeiten an die Umgebung in der Stadt gab, nun hat Hilda nicht nur ihre Mutter bei sich, sondern auch Bewohner vom verborgenen Volk, Tontu, Hörnchen und gelegentlich auch das Trollkind. Hilda hat sich ihre Abenteuer insofern bewahrt, als dass sie nun ständig um sie herum sind.

Inszenatorisch schöpft Luke Pearson auch im letzten Band aus dem Vollen. Nicht nur gelingt ihm ein ähnlich rasanter Einstieg, wie auch schon im Vorgängerband mit dem Steinwald, sondern alle eingesetzten Farben im Buch sind ein wenig gesetzter und dunkler. Mit fortlaufender Reihe wurden die Bände auch immer umfangreicher und aufwendiger, es wäre irgendwann schwierig geworden immer wieder noch etwas draufzusetzen. Der Leser kann nun im Verlauf der Abenteuer von Hilda auch gut die Weiterentwicklung in Pearsons Zeichenkünsten beobachten. Panelanordnungen bleiben in der Regel eher klassisch, dennoch experimentiert Pearson an der einen oder anderen Stelle durchaus damit. Was aber viel wichtiger wiegt, die Geschichte von Hilda ist rund. Im Nachgang fallen den Lesern aller Abenteuer immer wieder kleine Hinweise auf oder wieder ein, die er im Verlauf der letzten Bücher eingestreut hatte. Das Ende muss also grob schon länger festgestanden haben, dennoch gelingt es in der heutigen Zeit immer weniger Künstlern, ihre Geschichten zu einem für den Leser befriedigenden Ende zu bringen. Hilda und der Bergkönig ist zu Recht der große Abschluss der Saga um Hilda, aber bei Weitem nicht das pompöse Ende, was manch anderer Leser erwartet hat. Zu verstecken braucht es sich aber auch nicht. Der Leser und Fan von Hilda bekommt sechs spannende und meist unvorhersehbare Alben, die eine große Geschichte erzählen und ein kleines blauhaariges Mädchen nicht nur einmal über sich hinauswachsen lassen.

 

Ein schönes abschließendes Cover mit Motiven aus dem Album. © Reprodukt

Fazit

Hilda ist für mich ein Phänomen. Ich wurde erst durch die Netflix-Serie auf sie aufmerksam, was ich nicht müde werde zu betonen (viele Wege führen zu Comics). Gekonnt verbindet Luke Pearson Elemente der Legenden und Fabeln aus den nördlichen Ländern mit unserer heutigen Zeit, auch wenn es in Hildas Abenteuern weniger digital zugeht, als in unserer aktuellen realen Welt. Doch er verlässt sich in seiner Geschichte auf die richtigen und wichtigen Werte, namentlich die Familie und deren Zusammenhalt sowie Geborgenheit. Aufgrund ihrer Freiheitsliebe stellt Hilda ihre Mutter das eine oder andere Mal auf die Probe, dennoch lieben und brauchen die beiden weiblichen Protagonistinnen einander. Es ist schon erstaunlich, dass ich zu keiner Zeit den Vater in der Geschichte oder im Leben von Hilda vermisst habe, ich wüsste aber auch nicht, welche Rolle er hätte spielen sollen. Im Verlauf der Geschichte hatte ich insbesondere im vorletzten Band meine Zweifel, ob Luke Pearson sich mit dem Abschluss der Geschichte über zwei Bände wirklich einen Gefallen getan hat. Ich bin immer noch der Meinung, dass sich das hätte durchaus Kürzen lassen, und der Kern der Geschichte wäre erhalten geblieben. Im Bergkönig wiederum ist es keine Seite zu viel, da passt das Pacing wieder und führt die Abenteuer rund um das kleine blauhaarige Mädchen zu einem offenen, aber dennoch tollen Ende.

Newsbild: © Reprodukt


Hilda und der Bergkönig ist erschienen bei Reprodukt ISBN: 978-3-95640-203-6

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