Island ist nicht gerade als Filmland bekannt. Bei der Einwohnerzahl auch kein Wunder und dennoch kommen hin und wieder kleinere Perlen hervor oder großartige Regisseure, die dank der isländischen Förderung eine Chance bekommen. So auch der Regisseur Hafsteinn Gunnar, der 2013 mit dem Film Prince Avalance auf sich aufmerksam machte. Nun kommt er mit einer bitterschwarzen Komödie, die in vielen Punkten eher wie ein Thriller wirkt. Ein einfacher Nachbarschaftsstreit eskaliert wegen Belanglosigkeiten. Am Ende gibt es weniger zu lachen, doch der Grund dieser Eskalation ist schlichtweg ein Witz. Doch hinter jedem Witz verbirgt sich vielleicht ein Fünkchen Wahrheit und so lässt sich dieser Nachbarschaftsstreit gar auf die größeren Konflikte in dieser Welt übertragen.

 

Die Geschichte dieses Filmes spielt natürlich in Island. Das Ehepaar Inga und Baldvin lieben ihren Garten und noch mehr lieben sie ihren Baum! Doch ihre Nachbarn teilen nicht unbedingt die Liebe zu diesem Baum, da er einen viel zu großen Schatten auf die Terrasse der wohlsituierten Nachbarschaft wirft. Also keine Sonne und ohne Sonne kann niemand den Sommer richtig genießen. Also werden Inga und Baldvin gebeten, den Baum doch zu stutzen oder gar zu fällen. Doch nichts da! Der Sohn von Inga und Baldvin, Atli, hat währenddessen ganz andere Probleme. Schuld ist ein kleines Sex-Video, wo er und eine andere Frau zu sehen sind, dass zu einem Streit mit seiner Frau führt, da sie ihn dabei erwischt, wie er sich das anguckt und dabei masturbiert. Also zurück in das Elternhaus und seine Tochter darf er auch nicht mehr sehen. Zurück bei seinen Eltern bedeutet auch, dass er mitten im Nachbarschaftsstreit ist und hier werden mittlerweile härtere Geschütze aufgefahren. Kettensägen, Überwachungskameras und dazu wird auch noch die geliebte Katze von Inga vermisst. Natürlich stehen die Nachbarn sofort unter Verdacht…

Am Anfang ein skeptischer Blick über die Hecke…wenn der wüsste. © Netop Films

Auch wenn dieser Film in Island spielt, so kann die Geschichte sich eben nicht umsonst auf internationalen Festivals behaupten. Egal ob Deutschland, Frankreich oder auch in den USA. Ein Streit zwischen Nachbarn wurde schon in sämtlichen Filmen, Serien oder TV-Shows behandelt. Dazu kommt es, dass dieser kleinbürgerliche Vorort auch locker bei uns in Deutschland liegen könnte, mit all seinen Sünden und Leichen in den Kellern. Ruhig ist jedenfalls etwas anderes. Der einzige Hinweis, dass dieser Film eben im Norden von Europa spielt, ist das taubgraue Nordlicht, was sich wie ein Filter über die Breitbildlinse stülpt. Dabei werden dann aber doch die Kontraste deutlich. Während die Eltern von Atli gutbürgerliche Probleme haben, sich mit den Nachbarn um Nichtigkeiten streiten und in einer Welt leben, die sie nicht mehr verstehen, lebt er eher bodenständig. Fast schon herzzerreißend die Szene, als er seine Tochter aus dem Kindergarten abholt und nicht im Garten oder einem Park picknicken geht, sondern neben dem Parkplatz von einem Ikea. Die sehr konservativen Eltern verurteilen ihren Sohn und haben kein Verständnis dafür, dass er so mit seinem Leben umgeht. Das passt gut, denn die Nachbarn sind vielleicht auch gutbürgerlich aber auch deutlich hipper. Die viel jüngere Frau fährt regelmäßig Fahrrad, achtet auf ihr Äußeres und legt viel Wert auf ein jugendliches, gleichzeitig aber auch geordnetes, Leben. Der Mann dagegen sammelt gern Waffen und passt sich seiner Freundin an. Auf Streit ist er am Anfang noch gar nicht aus und wirkt sogar, als würde er sich von allen herumschubsen lassen. Doch relativ schnell zeigt sich, dass er seine Krallen auch ausfahren kann, wenn er will.

Die Autoren schaffen Konflikte, die völlig absurd wirken. In den Dialogen werden sich Argumente ausgetauscht, die nicht nur unlogisch, sondern auch sehr harsch oder roh wirken, teils auch beleidigend. Aus einem eigentlich banalen Grund, schaukeln sich die Protagonisten in ihren Konflikten hoch, bis es zur Tragödie kommt. Die Kommunikation findet statt, aber eben auf einer völlig falschen Art und Weise und an den Stellen, wo eine Aussprache Abhilfe geschaffen hätte, gibt es nur Verurteilungen oder falsche Beschuldigungen. Interessant dabei ist, dass Atli nicht als reif gilt und deswegen nicht so ganz in die Familie passen will, gleichzeitig aber derjenige ist, der verständlich versucht, seine Ehe zu retten. Der Zuschauer hat gerade mit ihm eher Verständnis und das, obwohl seine Fehltritte bekannt sind und auch weiteres Fehlverhalten dazu kommt. Doch Fehler macht jeder und es ist die Kunst, damit umzugehen. Es ist ebenfalls eine Kunst, in diversen Situationen nicht überzureagieren und sich zu beherrschen. Etwas was seine Eltern nur bedingt können. Sein Vater Baldvin mag hier noch etwas besonnen wirken, doch in Wirklichkeit will er sich nicht mit seiner Frau anlegen und seine Ruhe. Seine Mutter Inga dagegen kam immer noch nicht darüber hinweg, dass der zweite Sohn sich selbst umbrachte. Ihren Frust lässt sie nicht nur an die Nachbarn aus, sondern auch an ihrem letzten Sohn und ihrem Mann.

Die Säge für den Baum ist schon vorbereitet. © Netop Films

Der Baum dient in dieser Geschichte auch als Sinnbild für Streitereien. Zwei unterschiedliche Wahrnehmungen und zwei unterschiedliche Ansichten. So behandelt unser älteres Ehepaar den Baum wie ein heiliges Objekt. Ein Objekt, was sie seit Jahrzehnten kennen, pflegen und was für ihre lange gemeinsame Zeit in diesem Haus steht. Dieser Baum hat sie mehrere Jahre über begleitet. Das andere Ehepaar dagegen hat keine emotionale Bindung zu diesem Baum, auch finden sie ihn nicht sonderlich schön. Eher stört er eben! Unter diesem Baum findet also nun ein Streit statt, der Eigentum, Haustiere und auch Personen in Gefahr bringt. Dem Baum ist das selbst alles egal, sie leben, streiten und bekämpfen sich unter ihm. Bis zum bitteren Ende, als die beiden älteren Männer, die für ihre Frauen eben in die Schlacht ziehen, zu spät merken, dass sie für etwas Stumpfes in den Kampf zogen. So lächerlich diese Geschichte sein mag, so spiegelt sie aber in den meisten Fällen doch auch die größeren Konflikte in dieser Welt wieder. Entsteht ein Streit nicht fast immer durch Nichtigkeiten und ist es nicht auch so, dass es erst eskalieren muss, bis die Menschen aus ihren Fehlern lernen? Auch Atli muss das noch lernen, als er mit Ausreden und Übergriffigkeit versucht seine Frau wieder zu bekommen. Doch bei einem Mietertreffen, wo die Mieter des Hauses über ihre Sorgen reden, platzt ihr der Kragen und sie erzählt die peinliche Geschichte, wie sie ihn erwischte. Dabei stellt sie Atli bloß und er begreift, dass er besonders in diesem Haus keine Zukunft mehr hat. Die Scham und das Gefühl bloßgestellt zu werden, hätte gar nicht erst so weit kommen dürfen.

Dabei gibt es auch kluge Beobachtungen von so einer vermeintlichen Idylle. Nichts ist so wie es scheint. Fährt man mit dem Auto durch solche Vororte, wirkt alles sehr friedlich und ordentlich. Blicken wir aber dann hinter die Fassade, sind Lästereien oder Getuschel das Mindeste. Was für Bösartigkeiten sich Menschen aber einfallen lassen können und dass jeder Mensch Leichen im Keller hat. Dabei geben sich die Protagonisten scheinheilig und beschweren sich gern über andere, sind aber selbst nicht besser. Da werden auch einmal gern Autoreifen zerstochen oder mit Gewaltakten gedroht. Der Thrilleraspekt kommt daher, dass nicht immer offengelegt wird, ob es wirklich einer der Bewohner war. So bleibt dem Zuschauer auch nur das Mutmaßen und er oder sie tappt selbst in die Falle, sich zu schnell ein Urteil zu bilden. Am Ende wird der Film ganz dramatisch und zeigt die Folgen davon, wenn sich erwachsene Menschen nicht zusammenreißen können. Die Hauptverantwortlichen müssen aber am Ende nicht die Rechnung tragen, dafür aber das Leid. Aber auch der Zuschauer erfährt in der letzten Szene, dass dieser Konflikt völlig überzogen wurde. Gelächter bleibt in dieser Komödie stumm, erst wenn ihr über das Gesehene nachdenkt, wird es lustig. Die Absurdität dieser Geschichte ist bittersüß.

Die Schauspieler machen dabei alle einen gelungenen Job und spielen ihre Rollen glaubwürdig. Insbesondere Edda Björgvinsdóttir spielt ihre Inga gerade so gut. Denn besonders ihre Rolle hätte ins Übertriebene abdriften können und hätte die Bodenständigkeit zerstört. Die Kamera ist oft verwaschen und fokussiert sich sehr auf die Emotionen der Schauspieler. Dadurch wird klar, dass wir es hier nicht mit einer bunten Familienkomödie zu tun haben. All diese Komponenten und das teils depressive Spiel der Schauspieler ergeben am Ende ein großes Ganzes und wissen zu überzeugen.

Der Hund ist ausgestopft? An dieser Stelle gingen eh alle schon zu weit. © Netop Films

 

Fazit

Ein absurder Film, der aber auch weiß, wie er den Zuschauer packt und durch die klugen Beobachtungen in die Familien lässt. Die dichte Atmosphäre macht es schwer auf dem ersten Blick eine Komödie zu finden. Erst mit dem Ende wird klar, auf was der Regisseur eigentlich hinauswill und dann fängt man an zu lachen, auch wenn das Lachen im Halse stecken bleibt und der Zuschauer sich ertappt fühlt.