Der Schauspieler Elyas M’Barek, was halten wir eigentlich von ihm? Der nächste Moritz Bleibtreu? Oder doch eher der Nachfolger Von Til Schweiger? So ganz einig sind sich die Filmfans diesbezüglich noch nicht. Immer wieder gibt es gute Projekte und gute Rollen, doch dann sehen wir ihn in Fak ju Göhte oder im furchtbaren Biopic von Bushido mit dem Titel Zeiten ändern dich. Es ist schon nicht einfach mit den Stars aus Deutschland. Aber in diesem Jahr kam ein vielversprechender Trailer zum Film Der Fall Collini und weckte mein Interesse. Ein Juristenthriller mit ihm? Warum nicht, zudem solche Filme in Deutschland eher selten sind. Am Ende konnte der Film die Erwartungen erfüllen und gleichzeitig sogar positiv überraschen. Ich hoffe, der Film wird noch für einige Diskussionen sorgen.

Wir befinden uns im Jahr 2001 und sind in der Hauptstadt Deutschlands, Berlin. Hier begleiten wir den jungen Anwalt Caspar Leinen, der gerade seine Anwaltszulassung erhalten hat, und sein erster Fall soll auch gleichzeitig sein schwierigster werden. Es geht um Mord! Der italienische Gastarbeiter Fabrizio Collini, verteidigt von Caspar, hat den erfolgreichen und sehr beliebten Hans Meyer kaltblütig im Hotel ermordet. Nicht nur die Angehörigen stehen unter Schock, sondern auch viele Mitstreiter oder Menschen, denen er geholfen hat. Doch nicht nur das, Hans Meyer ist der Ersatzvater und Förderer von Caspar! Dies war ihm, als er den Job annahm, noch gar nicht klar und nun ist er gezwungen den Mörder zu verteidigen, der seinen Förderer ermordete. Als er sich dazu entschließt (er wurde auch ein wenig überredet), will er zumindest wissen, warum Fabrizio dies tat. Doch Fabrizio ist stur und nur durch den unbedarften Blick von Caspar kann der Grund ermittelt werden.

Collini, der kaltblütige Mörder. © 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Die Grundprämisse war es, warum ich diesen Film so interessant fand, weil sie für viel Drama sorgen wird. Dachte ich! Doch am Ende zeigte sich, dass der Film mich auf eine ganz andere Art und Weise begeistern konnte. Dabei wurde die erste Hälfte nur von der interessanten Grundgeschichte getragen und der Neugier, wie das ausgeht. Aber wirklich Fahrt wollte nicht aufkommen und es wirkte so, als würde der Film sich in eine Sackgasse manövrieren. Das liegt auch daran, dass viele Handlungen und Situationen viel zu schnell abgehakt werden. Die Tochter von Hans Meyer und der ehemaligen Freundin von Caspar ist auf ihn am Anfang sehr wütend und erschüttert, und schon in der nächsten Szene haben sie wieder was miteinander. Auch wird einfach die Situation, dass Caspar ja eigentlich vorbelastet ist und Fabrizio gar nicht verteidigen darf, ganz fragwürdig abgehakt und einfach mit dem Thema Verantwortung und Berufung abgeschmettert. Auch gibt es das eine oder andere Plothole. So lernt Caspar noch in einem Imbiss eine Frau kennen, die italienisch kann und er beschließt, sie deswegen einzustellen. Laut seiner Aussage braucht er jemanden, der die Sprache kann. Als er mit ihr in Italien ist, stellt sich aber heraus, dass er selbst gar nicht so schlecht italienisch kann und die Person, die er befragen will, kann zudem auch noch Deutsch. Damit wird die neue Frauenfigur absolut überflüssig und trägt nichts zur Handlung bei, eher bremst sie die gesamte Geschichte etwas aus.

Das ist Schade und hört sich nun sehr negativ an. Doch wenn man von diesem Plothole absieht und die ersten Minuten durchsteht, wird man belohnt. Dann nämlich, als Collini sich immer mehr öffnet und dem Zuschauer immer mehr Happen vor die Augen hält und wir neugierig bleiben. Die Auflösung soll dabei keine Enttäuschung sein oder völlig unrealistisch. Nein, die Auflösung stellt gleich mehrere Fragen. Aufgrund von einer großen Spoilergefahr kann ich gar nicht so viel dazu sagen und eigentlich wäre es aber die Stelle, die ich benötige, um meine Begeisterung zu vermitteln. Daher bleibe ich etwas schwammig in meinen Aussagen. Der Film behandelt am Ende viele Themen und stellt mehrere Fragen. Gibt es Gerechtigkeit? Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um und wer sollte der Richter für gewisse Taten sein? Ab wann dürfen wir Verständnis mit einem Täter haben? Aber, dies beeindruckte mich gewaltig, dieser Film startet auch einen Angriff. Ein Angriff auf das Justiz-System allgemein und besonders in Deutschland. Ein Verbrechen wird schlichtweg von dem System definiert und bestimmt. Diese Regeln und Gesetze werden aber auch immer wieder geändert und ein Gericht urteilt nur nach dem Gesetz. Doch wie sieht es mit der Ethik aus? Ein anderes Beispiel, was mit diesem Film nichts zu tun hat, soll besser definieren, was ich meine. Bis in das Jahr 1969 wurden 50.000 Männer inhaftiert. Laut Gesetz waren diese Männer schuldig und begannen ein Verbrechen. Sie waren homosexuell. Heute unvorstellbar, aber damals eben ein Verbrechen. Waren diese Männer Verbrecher oder schlechte Menschen? Laut Gesetz eben schon. Eine ähnliche Frage und ein Gesetz, was eher negativ geändert wurde, behandelt dieser Film und lässt den Zuschauer mit einem mulmigen und teils auch wütenden Gefühl zurück. Grandios!

Kann Caspar seinem Gegenspieler trauen? © 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Elyas M’Barek beweist in diesem Film, dass er wirklich talentiert ist. Sein naives und auch hilfloses Spiel werden absolut glaubwürdig in Szene gesetzt. Hoffentlich wählt er in Zukunft seine Rollen weiterhin so aus und gibt sich selbst mehr Anspruch. Auch Heiner Lauterbach weiß zu überzeugen und seiner Erfahrung sei Dank, driftet sein überheblicher Anwalt nicht ins Overacting ab. Dass Caspar ihm erst vertraut, ist nachvollziehbar. Auch an ihm hätte der Film dann scheitern können, wenn der Zuschauer gerade gegen Ende kein Verständnis hätte, aber die Figur ist keine Karikatur von einem bösen Anwalt und das ist auch gut so. Alexandra Maria Lara ist ebenfalls in ihrer Rolle als traumatisierte Tochter von einem ermordeten Vater gut. Auch den inneren Kampf den Verteidiger des Mörders zu lieben und zu hassen, spielt sie gut. Für die Wechselsprünge am Anfang des Films, dafür kann ja nur das Drehbuch etwas und nicht ihr Spiel. Doch es gibt in diesem Film einen geheimen Star: Jannis Niewöhner! Dieser spielt erst sehr spät in diesem Film mit und hat ganz wenig Szenen. Diese Szenen brennen sich aber in das Gedächtnis ein und es ist nicht auszuschließen, dass diese Neuentdeckung noch größere Rollen annehmen wird. Hoffen wir es!

Fazit

Nach einem schleppenden und merkwürdigen Anfang, der durch einige merkwürdige Entscheidungen auffällt, erleben wir eine sehr kluge, spannende und kritische Mischung aus Drama und Thriller. Dazu wird gut er gespielt und – besonders wichtig – nicht kaputtgespielt von Elyas M’Barek, der mehr kann als wohl die meisten dachten. Mit seiner Starpower bleibt mir nur zu hoffen, dass dieser Film auch erfolgreich wird. Denn ich finde diesen Film am Ende sogar wichtig und der Zuschauer wird für den Anfang sehr gut entschädigt.