Der deutsche Kinderfilm. Ein Thema mit dem ich mich zugegeben erst beschäftige, seit ich für Playto auch die Kritiken schreibe. Nach einer Reihe von Filmen frage ich mich allerdings, warum das Thema so an mir vorbeiging, gerade als jemand, der deutschen Film schätzt. Denn der deutsche Kinderfilm ist ein sehr gutes Argument für den deutschen Film allgemein und sticht zudem besonders hervor. Solche Filme sind nämlich ziemlich einzigartig und sind mit den Kinderproduktionen von anderen Ländern nicht vergleichbar. Das ist in diesem Fall besonders positiv. Nun kommt der Film “Unheimlich perfekte Freunde” ins Kino, in diesem Jahr gab es kaum einen Film, der diese Thesen besser unterstützt. Der Film ist in diesem Jahr der zweite Film von Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der mit Trautmann bereits mit einem völlig anderen Film für Furore sorgte.

Denn dieser Film hier ist schlichtweg ein Kinderfilm und dazu auch noch einer, der komplett ohne Vorlage auskommt. Unser kleiner Held nennt sich Frido und sei für sein Alter zu verspielt, dazu auch noch die schlechten Noten. Da bald ein Schulwechsel ansteht und sich entscheidet, ob er an das Gymnasium kommt, wo seine Freunde landen werden, sieht es gerade nicht so gut aus. Dazu auch noch seine getrennt lebenden Eltern, wo die Mutter ganz schön Druck auf den Kleinen ausübt. Sein bester Freund Emil dagegen scheint das komplette Gegenteil zu sein und so etwas, was manche als Streber bezeichnen würden. Frido will lieber jemand anderes sein, jemand der perfekt ist. Eines Tages findet er auf einem Jahrmarkt einen sehr mysteriösen Spiegel, der sein perfektes Ich abbildet und mit ihm reden kann. Dieses Spiegelbild zieht Frido heraus und so führt er ein Doppelleben. Sein Spiegelbild ist nämlich wirklich perfekt und schreibt nur noch gute Noten, während das Original weiter Spaß haben kann. Das führt natürlich zu diversen Problemen und irgendwann fühlt sich Frido auch überflüssig…

Der Star dieses Films! ©SquareOne Entertainment

Interessant an diesem Film ist, dass er zwar eine sehr fantasievolle Prämisse liefert, aber gleichzeitig die ganze Zeit bodenständig wirkt. Dabei wird ein Thema sehr unterschwellig aufgegriffen: Die Schulnoten und der dazugehörige Druck seitens der Eltern und Schulsysteme. Ja, der neue Frido holt sich jetzt eine 1 nach der Anderen, weil er alles ständig auswendig lernt. Doch ist er wirklich klüger als sein Original? Dafür hat nämlich die Kopie weder Fantasie noch Spaß und Freunde bekommt er mit seiner Einstellung auch nicht. Später wird deutlich, dass das Original ihm sogar etwas überlegen ist, da er seine Kopie mit einem Trick, den man eben nicht in Büchern findet, besiegen kann. Besiegen? Ja! Denn auch wenn Frido das Faulenzen und die neue Zufriedenheit seiner Mutter sehr genießt, merkt er später dennoch, dass seine Mutter, Freunde und Schulkameraden ihn mochten, wie er war. Auch wenn er wohl noch nicht auf das Gymnasium gehen kann, so hat er andere Qualitäten, die kaum benotet werden. Der Film schafft es also, auch dank des bodenständigen Ansatzes, eine Kritik an das aktuelle Bildungssystem zu geben, wie auch die Eltern in die Pflicht zu nehmen, ohne dabei mit dem Holzhammer drauf zu schlagen. Gleichzeitig nimmt er nicht nur die älteren Zuschauer absolut ernst. Die Botschaften werden die Kinder schon verstehen! Mehr Vertrauen in unsere Kinder, ebenfalls eine Botschaft, die in diesem Film vorkommt.

Natürlich geht es auch um das Thema Freundschaft, dies wird mit der Geschichte ganz clever verwoben. Als Emil ebenfalls was von diesem Spiegel hört, will er auch sein neues perfektes Gegenbild. Denn auch bei ihm läuft es nicht perfekt. Er ist nicht cool, wird von einem Mädchen kaum erkannt und kann sich seiner Mutter nicht widersetzen. Im Grunde das genaue Gegenteil von Frido. Schon hier ein Zeichen, dass kein Mensch perfekt sein kann. Der Film treibt diese Botschaft weiter, als der neue Emil herauskommt. Bei diesem handelt es sich um einen richtigen Rüpel, der auf Freundschaften und Schule nichts gibt. Dafür ist er jetzt eine Sportskanone und kann sich gegen ältere Schüler oder gar seine Mutter zu Wehr setzen. „Sei wie du bist“ klingt weder neu oder wirklich besonders, wird aber in diesem Film spielerisch erzählt und ohne großes Tamtam eingefangen. Dabei haben auch die Erwachsenen tatsächlich ihre Freude und finden die Geschichte nicht nur interessant, sondern auch lustig. Rosenmüller betonte in einem kurzen Interview, dass die gesamte Crew sehr kindisch war und einfach Spaß hatte. Das merkt der Zuschauer sofort und Rosenmüller liefert hier ein gutes Fingerspitzengefühl für die humorvollen Szenen und fängt alle Altersgruppen ein. Auf Pipi-Kacka-Humor verzichtet er und dafür muss ich mich auch bedanken.

Eine Kuchenschlacht darf in so einem Film nie fehlen! NIE! ©SquareOne Entertainment

Der angesprochene Spaß innerhalb des Filmteams spiegelt sich auch im Cast wieder. Wie oft meckere ich über die Kinderdarsteller aus Deutschland und gerade weil solche Filme aus Deutschland ziemlich beliebt sind, frage ich mich, warum Kinderschauspiel kaum gefördert wird. Dieser Film muss sich diesen Vorwurf nicht gefallen lassen. Luis Vorbach gilt nicht umsonst als deutsches Schauspiel-Wunderkind. Hier kommt eine Herausforderung dazu, nämlich eine Doppelrolle. Die meiste Zeit muss er im Grunde zwei Charaktere spielen, die im Detail stark voneinander abweichen. Luis spielt beide Fridos herausragend und glaubwürdig. Respekt dafür! Auch die anderen Kinderdarsteller, besonders der Debütant Jona Gaensslen, der Emil spielt, machen ihren Job sehr gut. Luis und Jona haben mir verraten, dass sie nur per Zufall zum Film gekommen sind und einfach viel Glück hatten. Gott sei Dank! Dass die Beiden ihre zwei Rollen auch so unterschiedlich spielen können und so einen starken Kontrast erschaffen, sorgt dafür, dass die Botschaften präsenter aber auch glaubwürdiger in Szene gesetzt werden. Der Film kommt bei den erwachsenen Schauspielern ohne die ganz großen Stars oder Promi-Gästen aus. Das ist gut und so fallen ein paar Störgeräusche weg, die eine Geschichte etwas ausbremsen könnten. Die erwachsenen Schauspieler hatten ebenfalls viel Spaß und besonders die Eltern von Luis, gespielt von Serkan Kaya und Marie Leuenberger, können in ihren Rollen glänzen.

Das Ganze ist zudem auch aufwendig produziert und bietet neben einer tollen Kamera und einer sehr guten Lichtausstattung auch tolle Kulissen. Gedreht wurde größtenteils in Leipzig und Wien, der Film selbst verrät nie in welcher Stadt wir uns befinden und so bleibt, wie eben die Geschichte des Spiegels, alles sehr fiktiv. Als Leipziger finde ich es sogar beeindruckend, dass die Drehorte völlig abgekapselt von der eigentlichen Herkunft funktionieren. Für eine deutsche Produktion haben sich die Macher auch sehr viele Gedanken über das Lichtbild gemacht. So ist es im Film die ganze Zeit relativ hell und fröhlich, aber als das Klassenzimmer voller Klone der Schüler sitzt, die sich alle gegenseitig übertrumpfen wollen, ist das Licht leicht angepasst und etwas grauer. Das fällt nur unterschwellig auf, bestärkt aber noch einmal die fortlaufende Erzählung. Ebenfalls gelungen ist der Soundtrack. Sind solche Songs, die besonders für Kinderfilme extra geschrieben werden, eher pures Fremdschämen, sind die Stücke diesmal wirklich gelungen und runden diesen Film ab.

Die getrennten und besorgten Eltern… ©SquareOne Entertainment

Fazit

Perfekt gibt es nicht? Vielleicht nicht bei Kindern. Dieser Kinderfilm dagegen macht aber vieles richtig und ist für das, was er sein will, so ziemlich perfekt. Die tollen Schauspieler, die gelungene Inszenierung und auch die Botschaften, wie auch der Weg dahin, sind einfach nur toll umgesetzt. Nach dem eher fragwürdigen Trautmann sollte Rosenmüller sich überlegen, nicht lieber in so einen Stoff zu investieren. Denn das kann er! Auf weitere Filme mit Luis und Jona freue ich mich nach diesem Film ebenfalls und bin gespannt, wie ihre Karriere nun fortgesetzt wird.