Wenn man als Neuling die Titel „The Umbrella Academy“ oder „Deadly Class“ liest, denkt man unweigerlich auch an die X-Men aus dem Hause Marvel. Beides klingt nach einer Schule oder Einrichtung, in der besondere Kinder oder Jugendliche trainiert und ausgebildet werden. Im Setting der X-Men finden sich mit besonderen Gaben ausgestattete sogenannte Mutanten wieder, die für sich je eine ungewöhnliche Fertigkeit besitzen und diese im Kontext der Geschichte anwenden müssen. Da kommt die Umbrella Academy dem schon näher, bei der „Akademie der tödlichen Künste“, wie Deadly Class mit Untertitel heißt, könnten wir nicht weiter davon entfernt sein.

Ganz ehrlich, kein Wunder, dass da ein Einsteiger mitunter Schwierigkeiten bei der Abgrenzung der einzelnen Geschichten hat. Noch dazu sind beide Comics in jüngerer Vergangenheit als TV-Serien umgesetzt worden, die „Schirme“ auf Netflix und die Todesklasse auf SyFy. In Deadly Class werden Kinder und Jugendliche zu gefährlichen Assassinen ausgebildet. Marcus Lopez ist ein solcher Anwärter, er hat seine Eltern verloren und macht den amtierenden Präsidenten Ronald Reagan für seinen Verlust verantwortlich. Weil Reagan den psychiatrischen Heilanstalten der USA den Geldfluss abdrehte, wurden Hunderte psychisch kranke Menschen auf die Straßen entlassen, unter anderem die Frau, die aufgrund ihrer Schizophrenie stark selbstmordgefährdet war und sich von einer Brücke stürzte. Sie fiel auf die Eltern von Marcus, die beide sofort Tod waren und ihn als Waisen zurückließen.

Ronald Reagan ist Präsident? Achso, die Geschichte spielt in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Marcus lebt auf der Straße, weil er es im Waisenhaus nicht mehr ausgehalten hat und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Jedoch wird nach ihm polizeilich gesucht, weswegen er auf der Flucht ist und sich verstecken muss. Da kommen ihm unbekannte Personen zur Hilfe, die sich um die Cops kümmern. Jedoch entführen ihn diese Personen auch und nehmen ihn mit zur Akademie der tödlichen Künste. Dort werden die besten Assassinen der Welt ausgebildet und Marcus bekommt einen Platz angeboten. Nach anfänglichem Zögern nimmt er diese Chance wahr, auch weil das bedeutet von der Straße runterzukommen. In der Akademie lernt er die anderen Mitschüler kennen und bemerkt, dass sich dort auch bereits einzelne Cliquen gebildet haben. Nicht ganz sicher, zu welcher Gruppierung er sich zuordnen soll, kommt es wie es kommen musste: Marcus macht sich unbeliebt. Doch nicht nur das, die Umgebung der Akademie fördert seine Aggressionen und er tötet seinen ersten Menschen bei seinem ersten Auftrag. Hin- und hergerissen zwischen seinem alten Leben und den neuen Verführungen, auch weiblicher Natur, gerät Marcus in einen Strudel von Ereignissen, der ihn zum Schluss des ersten Bandes als Teil einer besonderen Clique zurücklässt.

Fiebrig und Neonfarben

Im Verlauf der Geschichte erfährt der Leser nur oberflächlich von der Vergangenheit von Marcus Lopez. Warum ihn die Polizei sucht, wird nicht aufgeklärt, weiterhin wird er von einer weiteren Person gesucht, die ihn ebenso tot sehen möchte. Marcus verstrickt sich immer mehr in seine Rolle als künftiger Assassine, gleichzeitig arbeitet Deadly Class aber auch eine Coming of Age-Entwicklung aus, die in Zusammenhang mit den Mitschülern, Drogen, Waffen und der Frage nach Identität steht. Insgesamt erfahren wir als Leser aber nur wenig über die Motive der anderen Protagonisten, auch wenn diese durch einige Handlungen oberflächlich charakterisiert werden. Die Ausbildung wird im vorliegenden Band so gut wie gar nicht behandelt, vielmehr arbeitet sich Rick Remender am Setting und den Figuren ab, mir wie gesagt noch zu oberflächlich. Warum die anderen Schüler in der Akademie sind, wird so gut wie gar nicht dargestellt. Eventuell wird dies in den Nachfolgebänden noch mehr ausgearbeitet, hier schwelgt Remender lieber in Beschreibungen von Drogenerfahrungen und der Abarbeitung von Teenager-Klischees. Alle sind mies drauf und gewaltbereit, das wird schon klar. Dazu gesellt sich der Ausflug nach Las Vegas in der zweiten Hälfte des Buches, wo jede Pore nach Hunter S. Thompson und dessen Werk „Fear and Loathing in Las Vegas“ schreit.

Passend dazu ergänzen die Zeichnungen von Wes Craig und insbesondere die Kolorierung von Lee Loughridge das Erzählte um ein Vielfaches und heben es auf eine höhere Ebene. Gekonnt löst sich Craig von starren Panels und verbindet manches Mal auch zwei oder mehr Panels untereinander, auch wenn sie sonst unabhängig voneinander gesehen und gelesen werden. Das macht schon eine Menge Spaß zu Entdecken. Die Protagonisten sind durch die Bank als vom Leben gezeichnete Figuren angelegt, was sich auch im Artwork wiederfindet. Dies gepaart mit den teils neonfarbenen Hintergründen von Loughridge, die sich den Situationen entsprechend mal fiebriges Pink, betäubendes Blau bis hin zum intensiven Gelb und Orange. Einfach passend für das Jahrzehnt und auch immer raumfüllend, also ohne Zwischenübergänge. Deadly Class startet optisch stark, erzählerisch ist da noch Luft nach oben. Die Atmosphäre ist aber bereits jetzt gut gelungen und toll umgesetzt.

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Fazit

Wo Remender mich in der Geschichte bisher nicht packen konnte, schafft er es aber beim Setting, sowohl geographisch als auch zeitlich. Im Anhang erläutert er, dass er im Jahr 1987, in dem auch Deadly Class spielt, selbst einen entscheidenden inneren Reifeprozess durchlebt hat. Dies verortet die Erzählung von Deadly Class für mich ergänzend noch zu einer biographischen Abarbeitung von Erlebnissen Remenders. Dadurch gewinnt das Gelesene in meinen Augen eher noch dazu, habe ich doch die Geschichte dann mit anderen Augen gesehen und mehr zu schätzen gelernt. Dadurch ändert sich meine Kritik an der Erzählweise natürlich nicht, es erweitert aber zumindest meine Perspektive von den Ereignissen und wertet das Gefühl auf, was ich beim Lesen vom Setting gewonnen habe.

 

Deadly Class Band 1: Die Akademie der tödlichen Künste ist erschienen bei Cross Cult
ISBN: 978-3959811811

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