Wer den Trailer zu Border sieht, wird vielleicht getäuscht. Was wie ein schwedisches Drama aussieht, was ein ungewöhnliches Liebespaar zeigen wird, ist am Ende ein Fantasy-Thriller. Am Ende kommt wohl, auch wenn das Jahr noch sehr jung ist, mit die größte Überraschung des Jahres heraus, die schon bei Cannes für viel Begeisterung sorgte. In Schweden feierte der Film bereits im letzten Jahr im August seine Premiere, in Deutschland erscheint der Film erst am 11. April und vorweg sei auch gesagt, dass der Filmstart wohl limitiert ausfallen wird. Selbst in den kleineren Programmkinos wird der Film wohl eher selten gezeigt werden. Doch die Aufmerksamkeit lohnt sich, denn der Film ist tatsächlich etwas, was ihr nicht vergessen werdet.

 

Tina ist anders und das schon immer, zumindest seit sie sich erinnern kann. Nicht nur, dass ihr Gesicht etwas verformt ist und sie schon dadurch eine Erscheinung ist, sie hat auch einen enorm starken Geruchssinn. Sie kann Angst, Stress oder andere Emotionen riechen. Deswegen ist sie in ihrem Job, an der Grenze, eine ausgezeichnete Schnüfflerin und kann Drogenfahnder oder andere Kriminelle regelrecht riechen. Doch dies ist dann auch wirklich ihr einziges Glück im Leben. Ihren Freund Roland, ein Hundezüchter, interessiert das nicht und er nutzt sie aus, die Hunde von ihm reagieren auf sie auch übertrieben aggressiv. Ihr Vater hat Demenz und so eine richtig gute Beziehung hatten sie auch nicht. Doch irgendwann kommt Vore in ihr Leben und aus irgendeinem Grund fühlt sie sich nicht nur zu ihm hingezogen, sie haben auch dieselben Narben, dieselben Verformungen im Gesicht und auch irgendwie dieselben Attitüden. Vore weiß aber auch warum das so ist und klärt Tina immer mehr auf, während Tina sich auch in Vore verliebt. Viel Mystik, in einer realen Welt…

Die Geschichte zu erklären, und überhaupt das Genre festzulegen ist schon ein hartes Stück Arbeit. Es kommen in Border sehr viele Handlungsstränge und teils mehrere Geschichten vor, die einen ganzen Film alleine tragen könnten. Der wichtigste Teil ist einfach die Tatsache, dass Tina und Vore Trollwesen sind. Dies wird in einer sehr verstörenden Szene, die mir wohl ewig im Kopf bleiben wird, dargestellt. Dadurch tun sich aber gleich mehrere Fragen auf und richtig gelungen ist, dass die einzelnen Erzählungen am Ende zusammengeführt werden und es so ein sinnvolles und würdiges Ende gibt. Dabei bleibt der Film immer spannend und dadurch, dass der Film den Figuren viel Zeit gibt, ist es auch möglich mitzufühlen. Hier ist die Fantasie so eng und stark in den Realismus verknüpft, dass dieser mystischer Punkt wie selbstverständlich vom Zuschauer wahrgenommen wird und überhaupt nicht lächerlich oder witzig wirkt. Der Film nimmt sich die ganze Zeit über komplett ernst und selbst Momente, die unfreiwillig komisch sein könnten, sind teils sehr intensiv und ziehen den Zuschauer in den Bann. Wer durch den Titel und den Job von Tina auch etwas Politik erwartet wird enttäuscht. Denn das Wort “Grenze” gilt hier zwischen dem Thema Mensch und Fabelwesen, die immer wieder, wenn auch unterschwellig, thematisiert wird und später eben der springende Punkt sein wird.

Hier lernen sich unsere beiden Figuren zum ersten Mal kennen. © Wild Bunch Germany

Hin und wieder wird auch der Zuschauer ein klein wenig auf die falsche Fährte geführt. Border lässt auch die eine oder andere, scheinbar unwichtige, Szene vergessen, nur um dann mit der Auflösung einen “Aha”-Effekt auszulösen. Deswegen muss der Zuschauer auch wach bleiben und sollte den Film aufmerksam verfolgen. Hier ist es ganz wichtig, dass die Figuren interessant bleiben und die einzelnen Stränge auch logisch zu Ende gebracht werden, damit der Zuschauer eben belohnt wird. All das gelingt Ali Abbasi, der auch schon Regie bei “Shelley” führte, eindrucksvoll und nicht nur die verstörende Szene sorgt dafür, dass ihr diesen Film nicht so schnell vergessen werdet. Gerade durch die vielen Stränge, die alle einzeln schon spannend sind, bleibt der Zuschauer aufmerksam und die Charaktere sind interessant genug, um auch mitzufiebern. Wenn Vore in das Leben von Tina tritt, ist auch der Zuschauer stark von seiner Erscheinung fasziniert und fragt sich, was es mit ihm auf sich hat. Mehr sollte auch zu dieser Geschichte nicht geschrieben werden, da der Film seine ganz eigene Faszination auch über den Überraschungsmoment holt, selbst wenn eine erneute Sichtung sehr viel Sinn ergibt.

Ein weiteres Highlight ist die Maske. Die Gesichter von Tina und Vore sehen glaubhaft aus, sie wirken nicht unglaubwürdig und am Anfang hinterfragt der Zuschauer nicht sofort, warum die Gesichter so aussehen. Besonders nicht nach der ersten Erklärung. Gerade da die Schauspieler dem Zuschauer in Deutschland nicht bekannt sind, könnte man denken, dass das gar keine Maske ist. Dabei wirken diese Masken nicht zu sehr wie ein Fremdkörper und sehen natürlich aus, was dann die Glaubwürdigkeit der Figuren unterstreicht. Die düsteren Szenen oder auch die Bilder im Wald sind ebenfalls toll gefilmt und tragen zur Atmosphäre bei. Wenn Tina und Vore sich lieben, hat das teils was Animalisches und wird mit einem Soundtrack begleitet, der in kitschigen Liebesfilmen gern verwendet wird. Dadurch entsteht wieder ein gelungener Kontrast, dieser lässt gleichzeitig die einzelnen Szenen und den ganzen Film schwerer einordnen. Wer hier in typischen Genre-Mustern denkt, wird schnell an seine Grenzen kommen.

Der Film funktioniert auch dank der tollen Schauspieler. Tina und Vore vermitteln diese seltsamen Figuren nicht zu übertrieben, auch wenn ihr Spiel immer sehr hart an der Grenze des Übertriebenen ist. Besonders Eva Melender als Tina, die nie von ihrer Abstammung wusste und daher in der Menschenwelt fest integriert ist, schafft es ihre Kuriosität am Anfang noch zu verstecken. Selbst wenn sie anfängt an einem Telefon zu riechen, wirkt die Szene nicht zu unglaubwürdig. Eero Milonoff spielt seinen Vore dagegen etwas charmant aber auch rätselhaft. Gegen Ende darf er dann etwas mehr ausbrechen und sein Problem, er kann nicht aus seiner natürlichen Rolle, wird leidenschaftlich gespielt. Beide hätten locker überdrehen können oder das Ganze wie eine Karikatur wirken lassen, schaffen diese Aufgabe allerdings meisterhaft.

Hier sprechen sie von Elfen und wir denken da noch, die machen Quatsch… © Wild Bunch Germany

Fazit

Am Ende sah ich einen Film, den ich lange im Kopf behalten und so schnell nicht vergessen werde. Das liegt auch an einer verstörenden Szene, auf die ich nicht näher eingehen will, wobei ich mich da schon fragte, ob die überhaupt so explizit sein musste. Die atmosphärische Stimmung, die tollen Schauspieler und das extrem gute Drehbuch liefern einen Film, der das Fantastische zur Realität macht und das so glaubhaft, dass der Zuschauer nicht einmal daran zweifelt. Kurios, aber toll!