Die Toten Hosen! Ein Name, eine Musikgeschichte. Eine Band, über die bereits alles erzählt wurde, die jede Anerkennung, aber auch sämtlichen Spott abbekommen hat. Besonders Campino ist seit seiner Echo-Rede immer wieder gern auf den Arm genommen wurden. Jan Böhmermann macht sich über sein Alter lustig, die anderen wetterten, dies sei gar kein Punk mehr. Helene Fischer unter den Rockbands in Deutschland. Nun kommt eine Doku über diese Band, die älter ist als die meisten Leser unter uns. Die Frage stellt sich natürlich, ob Fans was Neues aus der Doku ziehen können und ob all die anderen überhaupt ins Kino gehen werden? Die Frage bleibt auch nach meiner ersten Sichtung etwas unbeantwortet, aber dafür erleben die Fans eine Reise in die Vergangenheit, bekommen das Live-Erlebnis auf die große Leinwand und lassen sich einfach gute 90 Minuten unterhalten.

 

Ich selbst, das sei vorab gesagt, bin großer Fan von dieser Band. Mein erstes Konzert, meine erste Schallplatte, meine erste CD und überhaupt die erste Band in meinem Leben, die ich verfolgte. Selbstverständlich ist dann diese Doku ein Pflichtprogramm, daran führt gar nichts vorbei. In der Doku erzählt ein Mitarbeiter der Tour auch davon, dass er schon etwas älter ist und es für ihn eine Zeit gab, ohne Die Toten Hosen, doch die meisten Fans so eine Zeit gar nicht kennen. Da fällt es jemandem, der wie ich 1989 geboren wurde, wie Schuppen von den Augen, diese Band gab es für mich einfach schon immer und ohne sie ist es gar nicht vorstellbar. Seit 1982 existiert diese Band und sie hat auch schon einiges erlebt, wie auch einige Weggefährten verloren. Wenn man sich bewusst macht, wie lange diese Band eigentlich schon am Start ist und dass es sie heute noch gibt und sie immer noch ganze Arenen füllen. Sie leben einfach und selbst ein Hörsturz kann diese Band nicht aufhalten. „Weil du nur einmal lebst! Weil du nur einmal lebst Und es uns nicht ewig gibt!“ lautet die Textzeile aus dem titelgebenden Track Du lebst nur einmal. Wer diese Doku sieht wird feststellen, dass sie es ernst meinen und Bis zum bitteren Ende alles geben werden.

Campino ist natürlich auch der Star in dieser Doku. © avanti media fiction 2019

Die Regisseurin Cordula Kablitz-Post, die schon einige Künstlerdokus drehte, schafft zusammen mit Paul Dugdale einen intimen Einblick in den Touralltag. Jedenfalls so weit es die Hosen zulassen. Irgendwie entstand bei dieser Band schon immer ein Gefühl von Distanz und gleichzeitig Nähe. Das Privatleben wird auch hier nur angerissen und dennoch bekommen wir intime Einblicke in das Leben der Hosen. Noch näher ran kommt wohl kein Fan. Damit muss sich aber der Fan gleichzeitig begnügen, denn wirklich neue Einblicke gibt es nicht und die Anekdoten sind meistens auch bekannt. Gerade die Erzählung mit der Rivalität zu den Ärzten, die es so nie gab, ist nach Jahrzehnten auch mal zu Ende erzählt. Selbst Menschen, die nicht so tief in der Materie drin sind, werden die meisten Geschichten kennen und dennoch wird der eine oder andere Kritiker sich vom Charme und auch der Selbstkritik der Hosen überzeugen lassen. Denn dies ist der Doku eindrucksvoll gelungen, sie vermittelt die Faszination, die von dieser Band ausgeht.

Dazu zählen auch die unzähligen Szenen, die diese Band auf der Bühne zeigen. Egal ob im großen Stadion oder im legendären Punk-Keller SO36, der ganz klein ist und von den Hosen schon in ihrer Anfangszeit bespielt wurde. Die Energie, die besonders von Campino ausgeht, ist unbeschreiblich und einfach ein Erlebnis. Noch beeindruckender ist es dann, dass die Fans bis heute von diesen Auftritten sich mitreißen lassen und einfach nur abgehen. Egal ob es junge neue Fans sind oder die älteren Semester. Auf einer Station haben die Eltern auch gleich ihre Tochter mitgebracht und es ist unfassbar, aber die Hosen vereinen Generationen, waren sie doch früher eben auch eine Art des Ausdrucks für die Rebellion gegen die Alten. Die Konzerte werden dabei nicht einfach abgespult, kein Konzert gleicht dem Anderen. Vor jedem Auftritt wird noch einmal die Setlist durchgesprochen, die Hosen verstehen es Sachen aus dem Programm zu nehmen, die vorher nicht so gut funktionierten. Da wird bei dem Auftritt in der Schweiz geprüft, ob es auch da Bofrost gibt, damit es beim Bofrostmann keine Sprachbarrieren gibt. Die Hingabe und auch wie sich diese Band auf der Bühne heute noch Mühe gibt, ist der pure Wahnsinn. Immerhin haben sie es theoretisch nicht mehr nötig. Natürlich wird dann auch kurz das Wir sind Mehr-Konzert in Chemnitz angesprochen, wo auch die Hosen auftraten und es als selbstverständlich ansehen, dort ohne Bezahlung spontan aufzutreten. Wenigstens hierkann der Fan hin und wieder ein paar kleinere Informationen aufschnappen und die Kritiker dürften nun wissen, dass die Hosen vielleicht doch keine Plastikmusik sind.

Ab in die Crowd! Die Fans sind immer voll dabei. © avanti media fiction 2019

Doch bei all den Erfolgen und dem puren Wahnsinn, wird auch die Frage gestellt, ob das noch Punk ist und hier nehmen die Hosen in der Doku ein wenig Stellung. Müssten sie aber gar nicht, denn Punk ist eben nicht nur Musik oder ob die Band dafür unbekannt genug ist. Punk ist ein Lebensgefühl und die Hosen tragen dieses Gefühl auch noch heute im Herzen. Da ist es egal, ob Campino die typischen Starallüren hat und gern zu spät kommt oder die Hosen auch mal in feinen Restaurants sich ein Glas Wein gönnen. Denn sie können auch heute noch anders. Hier und da wird sich gern einmal betrunken, sie starten einen Kommentar gegen Nazis oder klettern in der Nacht über den Zaun, um sich im Freibad noch eine Abkühlung zu holen. Auch die Enttäuschung, dass ein Konzert abgesagt wird, wegen des Hörsturzes von Campino. Selbst hier versucht Campino mit einem Witz die angespannte Stimmung aufzulockern. Doch die Band weiß, dies könnte das Ende bedeuten und wenn nicht, ist es eben auch nicht mehr weit. Schnell bekommen wir den Eindruck, dass sie gar nicht anders können. Sie brauchen diesen Wahnsinn. Selbstverständlich sind die Hosen älter geworden und etwas ruhiger oder vorsichtiger. Doch ist diese Band auf einer Bühne, dann geht der Wahnsinn weiter. Eine Laune der Natur eben. Charmant ist auch, wenn die Bandmitglieder eingestehen, dass sie eigentlich gar keine so guten Musiker sind und das mit viel Übung ausgleichen. An anderer Stelle wird das Rezept, nämlich ein einfacher schneller Gitarrenriff, mit einem kleinen Lächeln erklärt und so mancher Musiker könnte danach wütend den Saal verlassen. Doch ihre Musik entwickelte sich auch weiter und manchmal vielleicht sogar zu weit, sodass jetzt noch mehr Übung notwendig ist.

Durch die vielen Konzertmitschnitte von der Tour, wo Songs teils komplett vorgetragen werden sowie die vielen Anekdoten oder Einblicke ist die Doku ganz schön vollgepackt und leider schleichen sich dann auch, eben gerade für Fans, ein paar Längen ein. Mir kam der Film zum Beispiel deutlich länger vor. Aber bleibt dann auch die Frage, was schneidet man raus? Die Konzertauftritte? Eher nicht, schon gar nicht bei einem Tourfilm. Die Anekdoten? Dann hätten zumindest Neulinge wohl auch nicht so viel Spaß. Ganz am Ende wird, für Konzerte der Hosen auch typisch, das Ganze auf die Spitze getrieben und wenn man denkt es geht zu Ende, immerhin hat man gar einen perfekten Abschluss gerade, gibt es so etwas wie eine Zugabe. Schneidet man dies raus? Nein! Denn jetzt kommt das absolute Highlight dieser Doku. Die Rede ist davon, dass die Hosen auch in Argentinien richtige Stars sind und auch da herumtouren. Wie es dazu kam, wie die Hosen darauf reagieren und sich dabei fühlen sowie die Besonderheiten des argentinischen Publikums sind spannende Fragen, die auch beantwortet werden. Die Lust mit den argentinischen Fans zu feiern steigt sofort. Toll, dass dies auch seinen Platz fand und wir so einen Einblick über die dortigen Konzerte bekommen, die tatsächlich etwas Besonderes sind.

Die Hosen sind live einfach eine Wucht. © avanti media fiction 2019

Fazit

Wer mit der Musik der Hosen gar nichts anfangen kann, wird hier vielleicht zu sehr mit den Live-Auftritten zugeballert und eher mit Kopfschmerzen aus dem Kinosaal gehen. Fans dagegen werden gerade diese Live-Passagen feiern und den letzten Teil der Doku in guter Erinnerung haben. Dann gibt es noch die Neugierigen oder Interessierten und die dürften wohl den meisten Spaß an dieser Doku haben. Vielleicht lassen sie sich sogar einsaugen in diesen puren Wahnsinn, der mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ist nur die Frage, wie lange es die Hosen noch machen oder ob wirklich ein Ende in Sicht ist. So fragten sich die Hosen schon auf dem letzten Album: “Wie viele Jahre kann das so weitergehen? Wie viele Jahre, wie viel Zeit, die für uns übrig ist? Ein halbes Leben sind wir schon unterwegs ‚Hasta La Muerte‘, das haben wir uns in unsere Haut geritzt”.