Terry Moore ist bisher komplett an mir vorbeigegangen – ein Umstand, den es zu beheben gilt. Auch wenn ich natürlich aus diesem Grund nicht einzuschätzen vermag, inwieweit Motor Girl zu seinem bisherigen Schaffen passt oder aus der Reihe fällt. Gefallen hat mir die Graphic Novel rund um die Kriegsveteranin Samantha, den Gorilla Mike und die betagte Besitzerin eines Autofriedhofs sehr gut. Moore präsentiert hier eine Mischung aus leichten cartoonartigen Situationen insbesondere zu Beginn der Geschichte und Gesellschaftskritik, die sich im Lauf der Erzählung langsam aufbaut.

Wir lernen Sam und ihren Kumpel den Gorilla Mike auf dem Autofriedhof kennen, den sie mitten in der Wüste betreibt. Gelegentlich kommt auch die eigentliche Besitzerin Libby vorbei, eine ältere rüstige Dame, die sich um Samantha kümmert, weil sie ahnt, welche Grausamkeiten sie im Kriegseinsatz durchgemacht haben muss. Der Autofriedhof ist für Sam eine Stätte der Ruhe und ein Rückzugsort, um vor den Erinnerungen an ihre Kriegseinsätze zu fliehen. So hat sie immerhin eine Aufgabe, auch wenn wir im gesamten Buch niemals irgendeine Kundschaft zu Gesicht bekommen.

Für den Autofriedhof bekommt Libby ein Angebot eines reichen Mannes, der das Grundstück kaufen und dort wissenschaftliche Experimente durchführen möchte. Libby legt die Entscheidung in Sams Hände, da sie Samantha nicht vertreiben möchte, auch weil sie auf das Geld nicht wirklich angewiesen ist, wie wir erfahren. Sam hat allerdings keinen anderen Ort, an den sie sich zurückziehen kann und ist auch pleite. Libby lässt Sam die Wahl und kehrt erst am Folgetag zurück, um ihre Entscheidung zu hören. In der Nacht stürzt allerdings ein Unbekanntes Flugobjekt auf eines der Autowracks und kleine außerirdische Männchen machen sich auf die Suche nach Treibstoff, um wieder von der Erde starten zu können. Hier nimmt die weitere Geschichte ihren Anfang und lässt uns bis zum Schluss auch mit einigen Wendungen nicht mehr los.

Ich muss zugeben, nach den ersten Seiten dachte ich mir noch so, dass Motor Girl auch für meinen 9-jährigen Sohn ganz spaßig zu lesen sein könnte. Ein Gorilla als Sidekick zur Protagonistin, kleine Außerirdische, die auf dem Autofriedhof abstürzen und immer wieder dasselbe Wort ausrufen, das hatte schon etwas Leichtes, Unterhaltsames. Doch bereits kurze Zeit später dreht Terry Moore die Stellschraube ein wenig fester und führt weitere Charaktere wie die beiden Schläger Larry und Vic ein, die durchaus auch aus einem Film der Coen-Brüder stammen könnten. Zwischendurch nimmt die Geschichte dann teils absurde Wendungen, nur um zum Ende hin wieder gekonnt den Bogen zur Realität zu spannen. Sam ist eine Veteranin, die insbesondere in ihrem letzten Kriegseinsatz hohe Verluste in Kauf nehmen musste. Bei ihrem letzten Einsatz gelingt es ihr nicht einen Jungen zu retten, der an eine Bombe gekettet wurde. Dabei wird sie selbst stark verletzt, zunächst nur körperlich, aber auch die Psyche ist bei Sam stark angeschlagen. Alles, was ihr von dem Jungen noch bleibt, ist ein kleiner Stoffaffe, den sie als Andenken bis heute aufgehoben hat.

Nach Abschluss der Lektüre findet die Geschichte zu einem befriedigenden Ende, nicht nur für den Leser, sondern auch für unsere Protagonistin. Dabei versteht es Terry Moore gekonnt, die Absurdität der Situationen im Verlauf seiner Erzählung in ein realistisches Setting zu betten. Sam ist unter der Oberfläche stärker traumatisiert, als sie es sich eingestehen möchte. Hinzu kommt, dass sie aufgrund eines Schrapnellsplitters in ihrem Kopf dringend operiert werden muss. Moore spielt hier ebenfalls mit unterschiedlichen Realitätsebenen, die in diesem Text natürlich nicht offenbart werden sollen und mit der Kopfverletzung von Samantha zu tun haben. Sagen wir es einfach so: Es ist nicht immer alles Realität, was Moore dem Leser im Lauf der Geschichte vorsetzt. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich einige Seiten zurückgeblättert habe, um die neuen Erkenntnisse abzugleichen und in den Kontext zu setzen – großartig.

Sam und Mike müssen sich nicht nur mit kleinen grünen Männchen herumschlagen.

Fazit

Kriegsveteranen werden in den USA nach den Einsätzen in den Kriegsgebieten nach ihrer Rückkehr nicht ausreichend betreut. Was schon in etlichen Filmen und Dokumentationen angeklungen ist, setzt Terry Moore hier gekonnt in einer unterhaltsamen Geschichte in Comicform um. Dabei lässt sich kein erhobener Zeigefinger spüren, der den Leser mit Gewalt auf diese Gesellschaftskritik aufmerksam machen möchte. Im Gegenteil, wie ich bereits schrieb, die Geschichte ist äußerst unterhaltsam gestaltet, witzig, actionreich und mit glaubwürdigen Charakteren unterfüttert. Gerade dieser Umstand lässt aber eine umso intensivere Wirkung zu. Auch wenn ich gerne mehr vom Gorilla Mike gesehen hätte, präsentiert Moore hier mit seinen Zeichnungen eine abgeschlossene Geschichte. Und man kann es eigentlich gar nicht oft genug betonen: Richtig gut erzählte Comics und Graphic Novels brauchen keine Farbe. Motor Girl ist komplett in Schwarz-Weiß gehalten und schafft dadurch eine umso intensivere Stimmung beim Leser. Insbesondere wenn es um die Mimiken der Charaktere geht, schöpft Terry Moore aus dem Vollen und lässt den Leser jederzeit über die Gefühlslage der Figuren im Klaren. Interessante Charaktere, detailreiche Zeichnungen und eine spannende Geschichte mit Tiefgang – Motor Girl ist eine Empfehlung. Nun muss ich mich nur noch über das bisherige Schaffen von Terry Moore informieren. Bik!

 

Motor Girl von Terry Moore ist erschienen bei Schreiber&Leser – ISBN: 978-3-946337-73-7

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