Der Film fängt friedlich in der Kirche an und wir sehen einfach nur Kinder, die für das Krippenspiel zu Weihnachten proben, das am nächsten Tag stattfindet. Dazu sehen wir eine stolze Mutter, die mit Witz, aber auch einer gewissen faffen Haltung eingeführt wird und den Familienalltag unter Kontrolle hat. Doch dieses herzerwärmende Familienbild bekommt bald einen Bruch, als sie Zuhause ankommen. Schon zwischendurch haben wir gesehen, dass da wohl jemand in das Haus will. Doch er will nicht einbrechen und wir erleben keinen Horror, was aber nicht bedeutet, dass die Stimmung nicht kippt. Denn sie kippt – und zwar gewaltig. Der Junge, der vor dem Haus steht, ist nämlich der älteste Sohn, Ben. Völlig überraschend ist er aus der Entzugsklinik herausgekommen, für nur einen Tag. Die Freude ist in der Familie allerdings nicht so groß, denn alle, bis auf die Kleinsten, haben Angst vor Ben. Nur die Mutter, so scheint es, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und möchte daran glauben, dass ihr Sohn sich diesmal an die Regeln hält.

 

Inszeniert wird das Ganze von Peter Hedges und sein Sohn, Lucas Hedges, spielt Ben. Das ist eine interessante Wahl und interessante Konstellation. Peter Hedges schafft es während des Films die ganze Zeit eine beklemmende Frage aufrecht zu erhalten, die bei jedem Drogensüchtigen selbst und für das Umfeld unerträglich sein muss. Wird Ben scheitern? Wird er wieder rückfällig? Er hat der Familie versprochen, es nicht mehr zu tun. Doch, wie er später selbst zugibt, kann man Süchtigen nicht trauen. Sie lügen alle an, die sie lieben, und sie lügen auch sich selbst an. Ein Teil von Ben will es schaffen und er will es seiner Familie beweisen. Er weiß, dass er seine Taten nicht wiedergutmachen, aber in Zukunft solche Taten vermeiden kann. Peter Hedges schafft es diese komplexen Gefühle und Situationen perfekt auf den Zuschauer zu übertragen. Dabei wird Ben nicht verurteilt, aber auch nicht in Schutz genommen. Dafür sorgt schon die Mutter.

Für die Macher des Films und auch für uns Zuschauer muss dabei klar sein, dass es keine befriedigenden Antworten geben wird auf sämtliche Fragen. Auch sind das Scheitern und das Verzweifeln an Situationen ein fester Bestandteil dieses Films und scheinbar auch des echten Lebens. Am Ende bleibt dabei ein Satz hängen. Als die Mutter Holly Burns, gespielt von Julia Roberts, eine andere Mutter, die bereits ein Kind durch Drogen verlor, trifft und sie fragt, was sie eigentlich machen soll und ob sie Ben retten kann, kommt die kühle Antwort: “Nein, aber sie werden es bereuen, wenn sie es nicht versuchen”. Dieser Satz ist beängstigend und erschreckend, trifft es aber wohl genau auf den Punkt. Allgemein kann dieser Film einem richtig Angst machen. Besonders Eltern verlieren zu schnell die Kontrolle und haben ab einem bestimmten Punkt keinen Einfluss mehr. Das wird auch in diesem Film deutlich, als immer klarer wird, dass die Sucht teils von Ärzten oder Lehrern gefördert wurde. Das macht diesen Film so unbequem und mich persönlich hat fast jede Minute richtig fertig gemacht.

Nicht immer wird es so friedlich ablaufen.

Das ist auch der tollen schauspielerischen Leistung von Julia Roberts und Lucas Hedges zu verdanken. Lucas Hedges schafft es gekonnt die gespaltene Persönlichkeit zu verkörpern und glaubhaft zu vermitteln. Der Zuschauer ist, wie die Mutter, nicht nur wütend auf ihn, sondern zeigt auch Mitleid und Verständnis. Es wäre dabei ein leichtes Ben nur in die Täterrolle oder in die Opferrolle zu stecken. Doch auch das schonungslose Spiel von Lucas Hedges schafft es, selbst zwiespältig auf die Figur zu blicken. Dabei ist Ben auch auf keinen Fall dumm oder unbeholfen. Wie schon die Mutter Holly anmerkt: Er ist mehr als er selbst denkt. Er kann viele Angriffe oder Situationen mit einem cleveren Witz kontern und er beweist sogar ein wenig Selbstreflexion, als er seiner Mutter die Lügen beichtet und ihr mehrmals sagt, dass sie ihm nicht vertrauen soll. Gefangen in der eigenen Unglaubwürdigkeit ist diese Szene so oder so herzzerreißend, weil genau in diesem Moment Holly ihm vertraut.

Dieser Konflikt breitet sich auch auf die restliche Familie aus. Da gibt es zum Beispiel Ivy, die ihm nicht vertraut, und den Stiefvater Neal, der anmerkt, dass er als Schwarzer schon längst im Knast wäre und nicht wisse, wie viele Chancen er noch bekommen soll. Seine zwei kleineren Geschwister allerdings lieben ihn noch immer. Oft zeigt man Verständnis für die Skepsis, aber oft drängt es Ben eben auch in eine gewisse Ecke, in der es am Ende nur einen Ausweg gibt. Dabei sind die meisten Figuren nur Stichwortgeber oder liefern Kommentare, die so mancher Zuschauer vielleicht auch geben würde. Doch so oder so bringt es Holly in die unbeliebte Lage, sich zwischen zwei Stühlen zu setzen. Zum eine will sie ihre Familie beschützen und das Idyll aufrechterhalten, aber eben auch gleichzeitig will sie ihren Sohn nicht aufgeben und im Stich lassen. Die Performance von Julia Roberts ist ein ganz großer Favorit für die Oscars. Wenn Sandra Bullock für eine ähnliche Rolle in Blind Side einen Oscar bekommt, dann sollte Julia Roberts sogar regelrecht eine Garantie dafür bekommen. Die hier und da naive und fürsorgliche Mutter sollte niemand unterschätzen. Denn sie kann auch Haare auf den Zähnen haben und eben sehr gut dagegenhalten. Als sie mit Ben in ein Kaufhaus geht, trifft sie einen Arzt, der Medikamente wie Bonbons verteilt. Er versprach ihr, die Schmerztabletten würden nicht abhängig machen. Dafür macht sie ihn direkt verantwortlich und wünscht sich, dass er zur Hölle fährt. Eiskalt kann sie eben auch. Es ist auch Julia Roberts, die den Zuschauer an die Hand nimmt, aber ihn auch gleichzeitig leiden lässt. Großartig!

Das war noch längst nicht alles. Denn der Film kann auch sehr gut überraschen und aus diesem Drogendrama wird schon fast ein Thriller. Denn der Hund der Familie wird gestohlen und natürlich wird Ben dafür verantwortlich gemacht. Er will es wiedergutmachen, was aber gleichzeitig bedeuten würde, dass er in die Vergangenheit zurück muss. Es ist nicht nur die Gefahr, dass er rückfällig wird, er trifft auch auf viele Menschen, die wohl eine Rechnung mit ihm offen haben. Die Mutter will aber mit und lässt ihn nicht allein. Es beginnt eine Reise in die Vergangenheit und immer mehr wird klar, was Ben überhaupt alles angestellt hat. Als ehemaliger Dealer hat er auch andere in die Sucht und gar in den Tod getrieben oder Leben zerstört. Auch wird immer deutlicher, dass ganze Strukturen dafür verantwortlich sind. Nicht nur der Arzt, auch eine Apotheke oder wie ebenfalls bereits angesprochen gar Lehrer stecken in diesen Sumpf mit drin. Menschen, die eigentlich das Vertrauen der Eltern bekommen sollten. Der Krieg gegen Drogen herrscht in den USA schon länger und auch durch diesen Film wird einem wieder bewusst, dass durch diese Doppelmoral der Kampf nicht gewonnen werden kann. Spätestens hier wird aus Trauer und Schock auch ein Gefühl der Wut. Spätestens jetzt ist man auf der Seite von Ben und seiner Mutter. Obwohl das alles kein gutes Ende verspricht und jeder weiß, wohin das Ganze führt, hält man zu den beiden Charakteren. Dabei bekommt das Drama eben noch eine spannende Komponente dazu.

Es wird dem Zuschauer klar: Nach dem Telefonat kommt Ärger.

Peter Hedges selbst inszeniert das Ganze mit einer eher beobachtenden Kamera. Der Zuschauer blickt in das Leben einer schicksalhaften Familie. Oft urteilt der Film gar nicht, er überlässt das Urteil dem Zuschauer. Auch das macht diesen Film etwas unerträglich. Denn wie auch Holly, ist auch der Zuschauer zwischen den Stühlen und auch mir stellte sich oft die Frage: Wie würde ich mich als Elternteil verhalten? Die Krise dieser Familie ist dabei zwar das zentrale Thema, aber Peter Hedges macht eben mehr aus diesem Stoff und so entwickelt sich auch eine Gesellschafts- und Sozialkritik. Fesselnd, spannend, emotional und tolle Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Ben is Back ist kein schöner Start in das neue Jahr, aber ein sehr Guter!